Jahresausgaben \ Ne travaillez assez, ne comptez jamais

15. Januar – 17. März 2019

Vernissage: 13. Januar 2019 / 17 Uhr

Allan Sekula \ Cyril Blažo \ Daniel Eatock \ Gabriele Obermaier&Ralf Homann \ Kasia Fudakowski \ M+M \ Nigel Shafran  \ Peter Ravn  \ Philipp Messner \ Pind \ Prill Vieceli Cremers \ Ruth Wolf-Rehfeldt \ Stefan Weigl \ Superflex

 

Die Lothringer13 Halle widmet Raum und Zeit dem Allgegenwärtigen und Unumgänglichen: dem Geld. Ja, Geld, Geld, oder wie Rolf Dieter Brinkmann* einmal in einer Aufnahme ausspuckte: „Immer mit dem Scheissgeld, immer Probleme mit dem Scheissgeld…“. 

Fühlt euch frei und filetiert freudig das Finanz-Fiasko…

Die Ausstellung bestaunt die Blüten der verschämten Buchhalterei und ähnlichen borderline Heimaktivitäten im Angesicht einer Geld-fixierten und bürokratischen Gesellschaftsordnung. Während der Grossteil kultureller Budgets für den Erhalt vorhandener kultureller Einrichtungen aufgewendet werden, müssen die meisten Künstler selbst sehen, wie sie finanziell über die Runden kommen, die Lebensunterhaltslücken füllen, Sinn stiften oder Stifter finden. 

Olympieske Wettbewerbe um Zuschüsse und Förderungen funkeln stets am Horizont und verzaubern den Traum des Tellerwäschers von der Spülmaschine. Trotz verschwommener Perspektive ist klar, dass das Gelddebakel richtig verwaltet, dokumentiert und aufgezeichnet werden muss. Klerikales Funktionieren selbst bleibt unbestritten, der Künstler als Kassenwart ist eine bürgerliche Pflicht in rationalen Zeiten.

Neulich in der Wirtschaft…

Wie steht es also mit den Werten und Mehrwerten in einem Arbeitsfeld, das von Rekordsummen für Malerei, romantischen Bildern des verarmten freien Künstlers und Statistiken über prekäre wirtschaftliche Künstlerrealitäten eingerahmt und geprägt ist? Die Rolle der Künstler ist chamäleonartig und wird von der Umgebung bestimmt – als Bohemien, Provokateur, Hofnarr, Philosoph oder gefeierter Star und Investment-Lieferant:

In einem System professionalisierter Individualisten werden Verzweiflung und Erfolg gleichermaßen misstrauisch betrachtet und kritisch diskutiert. Die Existenz ist geprägt von der Lebensgemeinschaft mit vielen ungleichen Pärchen: Kredite und credits, Dispo und Disco, Mahnung und Ahnung, Laminieren und Lamentieren, Formular und Formal, Wert und Schätzung usw. 

Alles in Ordnung? jaja, alles in Ordnung!…

Die persönliche kleine Finanzkrise findet inmitten in einer größeren perversen Situation von Turbokapitalismus, Spekulation und der wahnsinnigen globalen Vermögensverteilung statt. Dies verzerrt Probleme der bedürftigen Kunstschaffenden zu vermeintlichen Luxusproblemen. 

Fundamentale Unsicherheit als gemeinsame Basis und Anlass für Wut, Verzweiflung oder Resignation. Oder als Normalität und Verstärker um Sinn und Inhalt in anderen Handlungsweisen zu finden. Künstler reagieren unterschiedlich auf ihre Situation und ihren Status in einer neoliberalen kapitalistischen Atmosphäre. Ob mit aktivistischen Projekten oder eher im Rückzug ins Private, stets müssen die eigenen Positionen und Vorstellungen zwischen Karriere und Kapitulation in Einklang gebracht werden. Derzeit wächst das Bewusstsein über die absurden Finanzstrukturen in kreativen Feldern und die Notwendigkeit, die Rahmenbedingungen zu überprüfen.

Die Jahresausgaben als komische, stille Meditation über das liebe Geld und das Buchhalten und Ordnen – was für manche absurd und schmerzhaft, für andere spielerisch oder therapeutisch wirken kann. Die ausgewählten Arbeiten geben zarte oder harte Hinweise darauf, wie Geld (oder Scheissgeld) ein ambivalenter Kern und verwirrender Teil der künstlerischen Praxis sind. Dabei die Haltung, den Glauben und den Humor zu bewahren ist durchaus eine Kunst.

Vorträge:  Michael Hirsch and Kilian Jörg / 17.Jan und 21.Feb

Musik: Carl Österhelt und das Ensemble für synkretische Musik / 13.Januar 18 Uhr

kuratiert von Jörg Koopmann