Fewer Ears than Sounds – Radio 80000

 

teil von

On Listening

termine

14.10.23, 18 –21 Uhr,

15.10.23, 18 – 21 Uhr,

Halle

Now closed

11:00–19:00 h

protagonist*innen

Radio 80000

Für das Projekt On Listening kuratiert Radio 80000 ein zweitägiges Programm in der Lothringer 13 Halle. Am 14. und 15. Oktober werden Akteur*innen von Radio 80000 zusammen mit eingeladenen Gäst*innen vielseitige Radiobeiträge vor Ort realisieren, die sich mit dem Thema Zuhören auseinandersetzen. Diese werden sowohl über die Webseite als auch vor Ort zugänglich gemacht und ermöglichen den Besuchenden und Zuhörenden auch einen Einblick in die Praxis des gegenwärtigen Radiomachens. Die Lothringer 13 Halle wird in diesen Tagen ein Ort des Zuhörens und des Austauschs bei Drinks und Gesprächen.

Programm

Samstag, 14.10.

18:00-18:45
Andreas Friesecke
Technics, Theory and Physics. How we listen and what influences our listening experience?
(Lecture)

Andreas Friesecke studierte ab 1991 Tontechnik an der SAE München und der Middlesex University in London. Er arbeitete mehrere Jahre im Bereich Akustik, Studioplanung und Lautsprecherentwicklung, wo er sich mit Themen wie Abstrahlverhalten, Klang und zeitlicher Ausrichtung von Mehrweglautsprechern auseinandersetzte. Darüber hinaus entwickelte, baute und programmierte er Tonstudiotechnik, sei es zur Visualisierung von Klängen auf Messgeräten oder zur Optimierung von Lautsprechern. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter die "Audio Encyclopedia". Heute unterrichtet er angehende Tontechniker am SAE Institute in München.

18:45-19:15
Amelie Kahl
Das Birkhuhn
(Soundperformance)

Autorin Amelie Kahl lebt in Berlin und ist Radiomoderatorin der experimentellen Sendung Seasonal auf Radio 80000. Seasonal wird monatlich ausgestrahlt und konzentriert sich auf naturbezogene Themen und Klanglandschaften. Die Klanglandschaft des Birkhuhns ist eine Erweiterung ihrer Arbeit, in der sie das letzte Glucksen, Gackern und Kreischen eines ausgestorbenen Vogels dokumentiert.

19:15-19:45
Ilaaf Khalfalla
Who‘s(e) avant-garde?
(Recorded Audio Piece)

In Diskussionen über Avantgarde-Klang wird die Erzählung häufig von ikonischen Figuren wie John Cage und La Monte Young gelenkt, die für einen weißen, eurozentrischen Kanon der postklassischen Musik stehen. Aber was ist mit den zentralen Klängen und Traditionen, die zwar angeeignet und referenziert, aber selten als integraler Bestandteil der Musik anerkannt werden? Mit Werken und Einflüssen von Gita Sarabhai, Halim Al-Dabh und Leo Brouwer ist dieser Mix eine (Mikro-)Untersuchung jenseits der etablierten Ränder. Er beleuchtet die Beiträge derjenigen, die außerhalb des traditionellen Paradigmas stehen, und hebt die oft nicht anerkannten Einflüsse hervor, die die Avantgarde-Landschaft tatsächlich geprägt haben.

Ilaaf Khalfalla ist Kulturforscherin, die sich auf Geschichte und Kultur auf  marginalisierte Räumen konzentriert. Normalerweise lebt sie irgendwo in Europa und denkt darüber nach, wie man sich besser erinnern kann.

19:45-20:30
Arnica Montana
(Soundperformance)

Arnica Montana ist eine in Marseille ansässige Klangkünstlerin und Synthesizerherstellerin. Sie nennt ihre Musik Soft Noise und ihre Synthesizer sehen aus wie Tiefseekreaturen. Die Performance schafft einen geeigneten Boden für das Chaos, indem sie der Stille auf dem gleichen Niveau wie den Melodien lauscht.

20:30-21:00
Robyn Steward
Robyn Rocket Steward on Listening
(Screening)

Robyn Rocket ist der Künstlername von Robyn Steward. Robyn ist im Spektrum und unterrichtet seit über 15 Jahren Menschen über Autismus. Sie hat drei Bücher geschrieben: The Independent Woman's Handbook for Super Safe Living on the Autistic Spectrum, The Autism-Friendly Guide to Periods und The Autism-Friendly Guide to Self-Employment. Robyn ist Co-Moderatorin des BBC-Podcasts 1800 Seconds on Autism. Als Musikerin leitet sie Robyn's Rocket, eine Konzertreihe mit inklusivem Bewusstsein im Londoner Café OTO. Inclusive Conscious bedeutet, zu sehen, wer nicht in einem Raum ist, sie einzuladen, um Feedback zu bitten und dann das Feedback zu geben, damit mehr Menschen Zugang zur Musik haben. Robyn spielt Weltraumtrompete und macht visuelle Kunst. Derzeit arbeitet sie an einem Album mit dem Titel Robyn Rocket And People You May Have Heard Of, das Menschen aus drei Gemeinschaften zusammenbringt, denen sie angehört. Café OTO, The Total Refreshment Centre und die Kunst-Wohltätigkeitsorganisation Heart N Soul. Bei letzterer ist sie eine kreative Mitarbeiterin. Heart N Soul glaubt an die Kraft und die Talente von Menschen mit Lernschwierigkeiten (manchmal auch als geistige Behinderung bezeichnet) und Autisten. Sie bieten keine Therapie an, sondern unterstützen die Menschen dabei, ihre Kreativität zu erforschen und ihre Ideen zu verwirklichen.  Robyn hat auch eine Radiosendung auf Resonance FM, zu der sie Menschen mit und ohne Lernbehinderung/autistische oder nicht-autistische Menschen einlädt.

Sonntag, 15.10.

18:00-18:30
Aimée Theriot-Ramos
La Superficie Pulida de las Cosas. Movements I and III
(Recorded Audio Piece)

La Superficie Pulida de las Cosas (Die polierte Oberfläche der Dinge) ist inspiriert von dem Gedicht "Amor" des mexikanischen Dichters Rosario Castellanos, das folgende Strophe enthält: "Genug. Das Ohr will nicht mehr, denn sein Hohlraum kann überlaufen, und die Hand kann nicht mehr über die Berührung hinausreichen." Dieses poetische Bild dient als Leitfaden für die beiden heute vorgestellten Stücke, die Teil einer Trilogie sind. Als ich diese Musik komponierte, versuchte ich, mir das Ohr als das Jenseits vorzustellen. Als den unantastbaren Grenzraum zwischen Bedeutung und Affekt, zwischen dem Selbst und dem Anderen. Zwischen dem Individuum und dem Kollektiv. Das Stück wurde ursprünglich als binaurales Klangstück komponiert, das mit Kopfhörern zu hören ist. 

Instrumentation: Binaurale Soundscape-Aufnahmen, Stimme, elektrisches Cello, Elektronik.

Aimée Theriot (MX) ist eine Musikerin, die daran interessiert ist, die Welt durch Klang und Vibration zu verstehen. Ihre Musik basiert auf freier Improvisation, Ambient, ASMR und Soundscape-Aufnahmen, mit einer großen Portion an Experimenten mit Live-Elektronik, Cello, Gitarre und Stimme. Sie lebt in Amsterdam.

18:30-19:00
Carina Güttler
Rewind – Where we come from
(Soundperformance)

Die Performance Rewind - Where we come from beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und Vorstellungskraft von Kindern auf der Grundlage persönlicher Tonaufnahmen. Durch Bezüge zu Plot und Storytelling vermittelt sie nicht nur außergewöhnliche Kindheitsfiktionen, sondern auch die Zeiten und Umgebungen der Erzähler und deren unvoreingenommene Verarbeitung individueller und gemeinsamer Erfahrungen.
Die Rolle der Geschwister in diesem Projekt ist von besonderer Bedeutung. Sie teilen ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten und tragen so zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur bei. Die audiovisuelle Arbeit basiert auf einem Hörspiel, das in den 1990er Jahren mit einem Kassettenrekorder aufgenommen wurde und von Geschwistern für ihre Geschwister entstand. Das älteste Geschwisterkind ermutigte zum Experimentieren, Spielen und zur Fantasie. Gemeinsam schufen wir unsere eigene Welt voller Geschichten und Freuden. Wie haben wir diese Zeit wahrgenommen? Was denken wir heute darüber?

Carina Güttler ist seit 2017 ehrenamtliche Mitarbeiterin des Münchner Online-Radios Radio 80000. Sie engagiert sich für Projekte in den Bereichen Kultur, Kunst und Bildung. Die gebürtige Münchnerin arbeitet als DJ und als freiberufliche Grafikdesignerin.

19:00-19:30
Yulia Kothe
Poltergeist or some scene else
(Recorded Audio Piece)

Poltergeist or some scene else ist eine essayistische, ortsspezifische Sendung von Yulia Carolin Kothe, die die Syntax der Artefakte des Barras Market (Glasgow) als Ausgangspunkt nimmt, um ein expandierendes und sich ständig weiterentwickelndes Tableau intensiver, unbehaglicher akusmatischer Atmosphären zu schaffen. Die auffällige und allwissende Erzählperson nimmt den Hörenden mit auf einen Streifzug durch das Barras, bei dem sie private und öffentliche Räume, ein abgelegenes Cottage und verschiedene ambivalente Territorien betritt, in denen körperlose Stimmen und Lebensspuren aus der Nähe zu hören sind, wie zum Beispiel der nasse Ring einer Kaffeetasse, die gerade von der Szene gepflückt wurde.

Dieses neue Radiokunstwerk ist reich und schwer an Material. Kothe stellt eigenen elektronischen Kompositionen neu artikulierten mündlichen Überlieferungen gegenüber, indem selbstgemachte Aufnahmen auf Kassetten, die Yulia Carolin Kothe auf dem Barras-Markt gekauft hat, zerhackt und mit avantgardistischen deutschen Gedichten von Elsa von Freytag-Loringhoven (1874-1927), Thekla Lingen (1866-1931), Karoline von Günderrode (1780-1806) und Anna Ritter (1865-1921) kombiniert. 

Indem Yulia Carolin Kotha die Figur des Poltergeistes in den Mittelpunkt stellt, erkundet Kothe die etymologischen Möglichkeiten des Wortes als Geist, der sowohl für widerspenstige physische Störungen als auch für sich bewegende Objekte - 'Genstände bewegen' auf Deutsch - verantwortlich ist, was als 'sich mit einem Thema vorwärtsbewegen' verstanden werden könnte, z.B. als die Suggestion einer unkonventionellen Idee. In diesem Sinne verweilt die Sendung wie ein Poltergeist, der metaphorische und geografische Andeutungen macht und einem im letzten Moment spielerisch den Stuhl unter den Füßen wegzieht.

19:30-20:00
Diane Barbé
Bog musics
(Recorded Audio Piece)

Bog musics" ist eine Hommage an die mediterranen Flüsse und Feuchtgebiete in Südfrankreich. Auf der Grundlage von Feldaufnahmen in der Camargue und in der Umgebung von Marseille entwickelte die Klangkünstlerin Diane Barbé während eines Aufenthalts im Euphonia-Studio von Radio Grenouille, einem seit langem bestehenden eklektischen Sender mit Sitz in Marseille, eine Reihe von Flöten, Percussions und Pfeifen aus dem örtlichen Flussrohr (Arundo Donax, Canne de Provence). Im September 2023 veranstaltete sie eine Reihe von partizipativen Workshops, um kollektive Kompositionen und spontane Musik zu entwickeln. Seltsame Vögel, imaginäre Insekten und abtrünnige Amphibien beginnen, eine schiefe Symphonie der Schilfgürtel zu bilden...

20:00-20:30
John Haag
Amid The Soothing Loops
(Soundperformance)

Amid The Soothing Loops handelt von Klängen, die einen absurden Grenzzustand des Wartens und der Beruhigung beschreiben, aber nie dem aktiven Hören dienen. Diese synthetisch erzeugte Hintergrundmusik soll künstliche Vibes erzeugen und uns, teilweise zwanghaft, in einen realitätsfernen Wohlfühlzustand versetzen. Unzählige Youtube-Videos versprechen uns innere Ausgeglichenheit, Entspannung und Fokussierung zur Steigerung unserer Produktivität mit "natürlichen" Klängen, meist in Kombination mit sanften, fließenden Bildern (Sleep, Study, Focus). Verträumte Ambient-Sounds loopen endlos nach einer beendeten Sendung eines Sport-Streaming-Dienstes, während sphärische Klänge in Hotellobbys uns die "[...] bedrückenden Rhythmen des täglichen Lebens [...]" (14, Michael Bull: Sound Moves, 154-157) vergessen lassen sollen.

In diesem Stück werden diese verschiedenen Formen von "kommerziellem Ambient" gesampelt, überlagert, verzerrt, bearbeitet und wiederverwendet, um eine seltsame Atmosphäre zu schaffen, die die Absurdität dieses Phänomens unserer postdigitalen Welt überspitzt darstellt.

20:30-21:00
Bloomfeld

Between beats, where microcosms flourish
(Recorded Audio Piece)

Eine Abfolge schwarzer Clubmusik-Tracks, die um 50-80% verlangsamt sind und die verborgenen Feinheiten und alternativen Schönheiten erforschen, die im Club und anderen eurozentrischen, beschleunigten Hörumgebungen oft unbemerkt bleiben.

Referenz Projekt/e
On Listening“ versammelt internationale künstlerische Positionen, Theoretiker:innen, Schreibende Aktivist:innen, Audioarchive sowie Community Radiosender, um Dynamiken von gesprochenen und auditiven Erzählungen zu befragen.
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